Über meinen Großvater Gustav, einen amerikanischen Orden und das, was die Berge Südlatiums gesehen haben — und nie erzählen werden.
„Das Leben ist zu freigiebig mit seinen Schönheiten, aber ebenso grausam im Austeilen von Schmerzen."
Leutnant Schenk · Einsatzort Süditalien, 26. Mai 1944
Seit dem 18. Mai durchkämmen Goumiers des Corps Expéditionnaire Français die Dörfer der Region. Was sie tun, hat in Italien einen eigenen Namen: Marocchinate. Frankreich hat es Jahrzehnte nicht aufgearbeitet. Die Opfer warten auf Entschädigung — und auf Erinnerung.
„… scoured the villages of Southern Latium. The next night."
Wikipedia, Marocchinate
Irgendwo in den Hügeln zwischen Roccagorga und Carpineto Romano bedient er eine Flakkanone. Die Front existiert nicht mehr. Alles bricht zusammen. Er ist 35. Er hat einen Sohn.
„Zum zweiten Mal erreichte uns die traurige unfaßbare Nachricht …"
Todesanzeige, Groß-Blumenau, 28. Juni 1944
Von Marcianise bei Neapel starten 86 Sortien. P-47 Thunderbolts tauchen immer wieder durch intensives Flakfeuer. 217 Fahrzeuge zerstört. Für diesen Tag bekommt die Gruppe den Distinguished Unit Citation — die höchste Auszeichnung der US Army für eine Einheit.
„…repeatedly dived through intense flak to destroy enemy vehicles and troops…"
DUC-Begründung, US Army, 1944
Während Gustav Pallasch starb und die Piloten der 86th Fighter Group ihre Orden verdienten, geschah in denselben Dörfern etwas, das Jahrzehnte lang niemand aufschreiben wollte. Die Frauen von Roccagorga, Carpineto Romano, Cori, Vallecorsa — sie haben keinen Orden bekommen. Keine Urkunde. Keine offizielle Anerkennung. Nicht einmal einen Namen, außer dem, den die Betroffenen selbst erfunden haben: Marocchinate.
Am 18. Mai 1944 fiel Monte Cassino. Noch in derselben Nacht durchkämmten Goumiers des Corps Expéditionnaire Français die Dörfer der Region. Marokkanische und algerische Kolonialtruppen unter französischem Kommando. Was folgte, dauerte Wochen. Vergewaltigung, Mord, Plünderung — systematisch, in Dutzenden Ortschaften, mitten in der Landschaft, die Leutnant Schenk in seinem Brief als „friedliche Weingärten und grüne Aue" beschreibt.
Die einen bekommen Orden. Die anderen schweigen Jahrzehnte lang — weil niemand zuhört. Weil Scham die Sprache tötet, bevor sie beginnt.
Monti Lepini, Mai 1944Frankreich hat die Vorgänge lange nicht aufgearbeitet. General Juin, Kommandeur des Corps Expéditionnaire, wusste. Manche Historiker sprechen von Duldung — die Gewalt als inoffizieller Anreiz für Truppen, die keine reguläre Bezahlung kannten. Die italienische Regierung entschädigte die Opfer erst Jahrzehnte später. Viele warteten bis ins hohe Alter. Viele starben vorher.
Carpineto Romano. Roccagorga. Das sind nicht nur die Koordinaten von Gustavs Tod. Das sind auch die Koordinaten dieses anderen, unsichtbaren Leids. Drei Geschichten, ein Fleck Erde. Der Krieg endet nie nur an einem Datum.
Alberto Moravia hat 1957 einen Roman darüber geschrieben: La Ciociara. Vittorio De Sica verfilmte ihn 1960 mit Sophia Loren — eine Mutter und ihre Tochter, dieselbe Region, dieselben Tage. Sophia Loren gewann dafür den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Als erste Frau überhaupt für eine nicht-englischsprachige Rolle. Die Welt hat also Kenntnis genommen. Nur nicht laut genug.
Quellen: Wikipedia · Marocchinate · Monte Cassino, 18. Mai 1944 / France 24, 18.05.2024 / Corriere della Sera, 15.05.2024 / Alberto Moravia: La Ciociara, 1957 / Vittorio De Sica: La Ciociara (Film), 1960Die Monti Lepini sind heute ein Wandergebiet. Im Mai blüht der Ginster. Die Hügel riechen nach Thymian und Erde. Die Berge schweigen.
Was ich von meinem Großvater weiß, steht auf einem Schreiben der Deutschen Dienststelle vom 23. Juli 2002. Bearbeiterin: Fr. Muske. Sie hat akkurat getippt, was die Meldungen ergaben. Keine Empathie, keine Entschuldigung — einfach Zeilen.
„lt. Meldung vom 25.05.1944 — 2. Batterie schwere Flak-Abteilung 563 (o) — Einsatzraum: Italien — Gefallen: 25.05.1944 in Roccagorga, Prov. Rom, Distrikt Frosinone — Grablage: nach Umbettung — Friedhof Pomezia, Block Q, Grab 142"
Gustav Pallasch. Geboren 27. Februar 1909 in Groß-Blumenau, Kreis Ortelsburg, Ostpreußen. Gestorben 35 Jahre alt. Erbhofbauer. Kein Berufssoldat. Jemand der eigentlich Felder bestellt.
Aus der Todesanzeige, die seine Frau Emma im Juni 1944 aufsetzte, weiß ich mehr über seine Familie als über ihn selbst. Ihr Bruder Bruno war vier Wochen vorher im Osten gefallen. Zwei Männer, zwei Fronten, ein Monat. Ihr Sohn Dieter war klein. Er hat seinen Vater nie gekannt.
„Sehr hart traf uns das Schicksal doch wir fügen uns dem Willen Gottes."
Todesanzeige Emma Pallasch, geb. Kolpak · Groß-Blumenau, 28. Juni 1944Ich lese diesen Satz und frage mich, ob Emma wirklich glaubte was sie schrieb. Oder ob man 1944 einfach keine andere Sprache hatte.
Die Monti Lepini sind heute ein Wandergebiet. Im Mai blüht der Ginster. Die Hügel riechen nach Thymian und Erde. Die Berge schweigen.
Die amerikanischen Piloten der 86th Fighter Group starteten an diesem Morgen vom Flugfeld Marcianise, 150 Kilometer südlich. Sie flogen 86 Einsätze. Sie tauchten durch Flakfeuer — durch Gustavs Feuer. 217 deutsche Fahrzeuge wurden zerstört.
Für diesen Tag bekam die Gruppe einen Distinguished Unit Citation. Die höchste Auszeichnung, die eine Einheit in der US Army erhalten kann. Der Präsident unterschreibt. Die Männer tragen es für immer im Namen.
Gustav Pallasch bekam nichts. Er ist gestorben.
Quelle: Army Air Corps Museum · 86th Fighter Group · Distinguished Unit Citation Italy, 25 May 1944Am Tag nach Gustavs Tod schrieb sein Vorgesetzter einen Brief an Emma Pallasch. Leutnant Schenk. Er hatte gerade das Grab geschaufelt. Er schrieb vom Einsatzort, während die Einheit noch im Rückzug war.
Ich habe diesen Brief. Er ist 82 Jahre alt. Er ist klarer als alles, was ich heute über Krieg gelesen habe.
„An einer Gebirgsstraße in Süditalien, in der Nähe friedlicher Weingärten und grüner Aue, haben wir Ihren Mann nach einem schweren Angriff feindlicher Tiefflieger das Grab gegraben. Wir haben die wilden gelben Blumen, die hier so üppig wachsen, auf den kleinen Erdhügel mit dem einfachen Holzkreuz gelegt und wir haben uns stumm und trauernd verabschiedet."
Die wilden gelben Blumen. Ginster. Im Mai blüht der Ginster in den Monti Lepini leuchtend gelb — heute genauso wie damals. Leutnant Schenk hat sie aufgesammelt und auf ein Holzkreuz gelegt. Das ist alles, was es gab.
„Man merkt erst beim Scheiden richtig, was einer war; wenn wir alles haben, können wir es gar nicht so richtig einschätzen, aber wenn wir es verlieren, wissen wir erst erschrocken, wieviel wir besessen hatten."
Leutnant Schenk · 26. Mai 1944Er schreibt, dass er keinen Fotoapparat hatte — sie waren eine der letzten Einheiten, die vom Landekopf zurückkamen. Kein Bild vom Grab. Nur die Worte eines Mannes, der nicht wusste, was er sagen soll, und es trotzdem versuchte.
„Ich kann es ja gar nicht ermessen, was Sie, Frau Pallasch, verloren haben, ich weiß nur von mir, daß ich einen der besten Soldaten meiner Batterie lassen mußte."
Es liegt zwischen ROCCAGORGA und CARPINETO. So steht es im Brief, in Großbuchstaben. Als wollte er sichergehen, dass Emma den Ort findet — obwohl Emma ihn nie finden würde.
Quelle: Brief Leutnant Schenk an Emma Pallasch, 26. Mai 1944 · Privatarchiv Familie Pallasch
Die WASt schreibt: 25. Mai.
Die Todesanzeige, die Emma selbst aufsetzte, schreibt: 26. Mai.
Leutnant Schenk datiert seinen Brief auf den 26. Mai —
und beschreibt das Begräbnis als gerade geschehen.
Im Krieg gehört selbst das Datum des Todes niemandem. Es wird notiert, weitergegeben, irgendwo falsch abgetippt. Emma hat den falschen Tag auf der Anzeige. Oder die WASt hat den falschen Tag in der Akte. Oder beides stimmt irgendwie — er wurde am 25. getroffen und am 26. begraben und niemand wusste mehr, wann genau das eine aufhörte und das andere anfing.
Gustav kam im September 1943 nach Italien — kurz nach dem Waffenstillstand, als Deutschland die Halbinsel überstürzt neu besetzte. Die schwere Flak-Abteilung 563 wurde aus Berlin verlegt, der Transport lief über die einzige Hauptroute: die Brennerbahn.
Die 8,8-cm-Flakgeschütze waren tonnenschwer. Kein Marsch, kein LKW — nur Eisenbahn. Waggon an Waggon, tagelang, durch Deutschland und über den Pass. Innsbruck, Verona, Bologna, Rom. Dann südwärts in den Einsatzraum Latium.
Er kam nicht als Eroberer. Er kam in ein Land, das gerade die Seiten gewechselt hatte — mit einer Einheit, die Flugzeuge abschießen sollte, und landete neun Monate später in einem Rückzugsgefecht in den Bergen.
Brenner → Verona → Bologna → Rom → RoccagorgaDer Brenner war die Lebensader der deutschen Italia-Armee — und gleichzeitig eines der meistbombardierten Ziele der Alliierten. Wer über den Brenner fuhr, wusste: Das hier ist kein sicherer Weg.
Quelle: Lexikon der Wehrmacht · schwere Flak-Abteilung 563Ich habe einen Brief ans Bundesarchiv geschickt. Ich will die Lücken füllen — wo genau er stationiert war, ob er verwundet war, was zwischen Königsberg und Roccagorga lag. Die Antwort dauert 4–8 Wochen.
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Block Q, Grab 142 · Deutscher Soldatenfriedhof Pomezia · Latium, Italien